Sich den Dingen stellen

Nachruf auf den Pädagogen und Autor Hans-Jochen Gamm             (1925-2011)

Hans-Jochen Gamm ist tot. Wir haben einen großen Pädagogen verloren, einen kompromisslosen Streiter gegen jede Art von Entmündigung des Menschen, sei sie durch die Diktatur der Hitler-Tyrannei erzwungen, sei sie durch die Diktatur der DDR erwirkt oder sei sie durch die liberalistisch-neokapitalistisch geformte BRD schleichend aufgenötigt.

Er war einer der ersten, der eine Aufarbeitung der Erziehung im Nationalsozialismus vornahm. Gegen einen sich erneut vorwagenden Antisemitismus stemmte er sich unerbittlich in Wort und Schrift. Für den Aufbau seiner Kritischen Pädagogik suchte er auch materialistisches Gedankengut fruchtbar zu machen.

Gamms frühe Kritik an fragwürdigen Elementen der sich ausformenden westdeutschen Gesellschaft brachte ihm manche Anfeindungen ein; zeitweilig wurde er auch bedroht. „Wir dürfen nicht verdrängen und müssen uns den Dingen stellen”, war seine Antwort.

Hans-Jochen Gamm entstammte einer mecklenburgischen Tagelöhnerfamilie, legte 1943 in Schwerin seine Reifeprüfung ab und meldete sich freiwillig zur Kriegsmarine, kämpfte als Offizier unter Generalfeldmarschall F. Schörner und geriet am 8. Mai 1945 in Gefangenschaft, erst in US-amerikanische, dann in sowjetische und schließlich in polnische.

Vor der Entlassung im Herbst 1949 bestimmte die polnische Gewahrsamsmacht für ausgewählte jüngere Gefangene den Besuch des KZ Auschwitz. Dieser Besuch brachte für Hans-Jochen Gamm eine grundlegende Wende seiner bis dahin kaum in Frage gestellten deutschen Offiziersgesinnung. Gamm bekannte: „Der faschistische Offizier in mir, der Angehörige eines ‚Herrenvolkes’ musste seine verfehlte Identität aufgeben.”

In seine mecklenburgische Heimat entlassen, studierte Gamm an der Universität Rostock Theologie, kam mit widerständigen Studentengruppen in Kontakt und musste nach vier Semestern in den Westen fliehen.

An der Hamburger Universität nahm er das Studium der Pädagogik, Geschichte und Theologie wieder auf. Er legte im Jahre 1953 die Erste Lehrerprüfung für das Lehramt an Grundschulen, Praktischen und Technischen Oberschulen ab und lehrte anschließend an der Grundschule für Mädchen in Hamburg, Bogenstraße 336. Daneben konnte Gamm 1956 sein erstes theologisches Examen mit dem Schwerpunkt Kirchengeschichte an der neu eingerichteten Theologischen Fakultät absolvieren.

Durch Beratung von Dr. Uhsadel erhielt er Kontakt mit Professor Wilhelm Flitner. Bei ihm promovierte Gamm im Jahre 1958 zum Thema „Individuum und Gemeinschaft im pädagogischen Werk Friedrich Wilhelm Dörpfelds“, eines bedeutenden Volksschullehrers des 19. Jahrhunderts. Flitners gelebter Humanismus, seine philosophisch-pädagogische Kompetenz und sein offenes, taktvolles Verhalten beeinflussten Gamm nachhaltig.

Gamms akademische Lehrtätigkeit begann 1959 als Dozent am Pädagogischen Institut der Universität Hamburg. Bereits im Jahre 1961 nahm er die Berufung zum Professor an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg wahr und amtierte dort auch als ihr Rektor.

1967 übernahm Gamm die Aufgabe, an der Technischen Hochschule Darmstadt das Institut für Pädagogik an der Fakultät für Kultur und Staatswissenschaften aufzubauen. Im Zuge der Hochschulreform wurde er 1972 zum ersten Dekan des neugebildeten Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Psychologie der Technischen Universität gewählt. Er widmete seine ganze Kraft der wissenschaftlichen Grundlegung und der Entwicklung des neuen Fachbereichs an der Technischen Universität Darmstadt.

Mit der Übernahme der DDR wurde er Gastprofessor der Universität Rostock. Seine Verbindung mit der Universität Hamburg und der GEW riss niemals ab. So übernahm Gamm das Eröffnungsreferat „Die Neufassung des Bildungsbegriffs und ihre Bedeutung für die pädagogische Praxis” der GEW- Tagung „Alternativen in der Regelschule” 1987 im Curiohaus Hamburg. 

Gamms Leitspruch „Wer die Ehrfurcht vor dem Leben nicht zu buchstabieren vermag, hat gar nichts” übernahm er von seinem verehrten Lehrer Wilhelm Flitner.

Hans-Jochen Gamm starb am 18. Juni 2011 in Darmstadt.

 

Gamms Schriften (eine Auswahl):

Judentumskunde: Eine Einführung, 1960/Das Judentum, 2011 (Nachdruck);

Führung und Verführung: Pädagogik des Nationalsozialismus, 1984(2);

Allgemeine Pädagogik: Die Grundlagen von Erziehung und Bildung in der bürgerlichen Gesellschaft, 1979; Das pädagogische Erbe Goethes: Eine Verteidigung gegen seine Verehrer, 1980;

Standhalten im Dasein: Nietzsches Botschaft für die Gegenwart, 1993;

Deutsche Identität in Europa, 2001;

Lernen mit Comenius: Rückrufe aus den geschichtlichen Anfängen europäischer Pädagogik, 2008.