Wilhelm Flitners politische Sorgen am Ende der Weimarer Republik

Teil 9

Will man die Stellung Flitners angemessen würdigen, ist zu beachten, daß die geistige Situation jener Zeit gekennzeichnet war durch das Spannungsverhältnis zwischen den emanzipatorischen Errungenschaften einer demokratischen Tradition und einer faschistischen Erneuerungsbewegung (12), die glaubte, es ließen sich die Probleme der Gesellschaft durch eine spontane Bewegung zum solidarischen Zusammenschluß endgültig lösen. In dieser Situation befanden sich Flitner wie auch seine mit ihm befreundeten Kollegen Karl Jaspers, Oskar Hammelsbeck, Adolf Reichwein, Eugen Rodenstock und sein enger Freund, der Ökonom und christliche Sozialist Eduard Heimann.

Die Eindeutigkeit, mit der Flitner in der Rede seine Position umreißt, ergibt sich nicht aus der heroischen Entschlossenheit zum Widerstand gegen die antidemokratischen Kräfte, sondern aus einer Resistenz, die ihn aufruft, das Notwendige mit dem Möglichen zu vermitteln.

Jene Flitner-Kritiker aber begnügen sich indessen damit, Flitners Verhalten und Denken allein auf der Ebene eines gesinnungsethischen Manichäismus von Gut und Böse zu diskutieren. Bei diesem Verfahren meinen sie, bei ihm eine gewisse Sympathie mit dem Nationalsozialismus aufzuspüren. Damit profilieren sie sich als abgehobene Moralisten; sie hätten bei Wilhelm Flitner lernen können.

Flitners kritischer Vortrag kann zugleich Warnung und Hoffnung angesichts unserer gesellschaftlichen Lage sein. Seine Warnungen haben – nach über siebzig Jahren – an Aktualität kaum eingebüßt.

Eine Politikverdrossenheit großer Teile der Bevölkerung wird bitter beklagt. Eine „tiefe gesellschaftliche Bildung”, wie sie Flitner anmahnte, wird offenbar auch heute von den herrschenden politischen Kräften nicht angestrebt, wie zum Beispiel die Diskussion um die PISA-Studie deutlich zeigt.

Es ist aber gerade die vornehmste Aufgabe eines demokratischen Staates, unseren Jugendlichen eine gesellschaftliche Perspektive zu bieten, sie politisch zu sensibilisieren und ihre demokratischen Tugenden zu wecken. Flitner bezeichnete es schlicht als einen „mechanistischen Aberglauben“ anzunehmen, daß ein demokratisches System „aus seinen bloßen Einrichtungen heraus die Sittlichkeit und die demokratischen Tugenden hervorbringen werde, die es voraussetzt”. (s.oben, Fußnote 6, a.a.O., S. 285)

Es ist sicher bemerkenswert, daß der Auftrag des Hamburger Senats für die Rede zur Verfassungsfeier 1930 in einer für den Erhalt der Republik so schwierigen Zeit an einen Erziehungswissenschaftler erging, dem die Sorge um die Zukunft ein zentrales Thema sein mußte. Daß die Wahl auf Wilhelm Flitner fiel, war zweifelsfrei ein besonderer Vertrauensbeweis für ihn.

Damit stand Flitner, der erst seit kurzem den Lehrstuhl innehatte, in einer Reihe mit Vorgängern wie Ernst Cassirer (1928), Rudolf Laun (1925) und Albrecht Mendelssohn Bartholdy (1923) (13) bei der Verteidigung der Werte für eine demokratisch verfaßte Gesellschaft.

 

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(12) Der hier benutzte Faschismus-Begriff wird unterschieden von dem des deutschen Nationalsozialismus. Die faschistische Bewegung wird als ein historisches Ereignis nach dem Ersten Weltkrieg wahrgenommen, das zahlreiche europäische Staaten erfaßt hatte. Es handelte sich um eine ursprünglich antibürgerliche und antikapitalistische politische Erneuerungsbewegung mit dem Ziel, den gesellschaftlichen Interessenantagonismus jener Zeit sowie die Schwächen der parlamentarischen Demokratie mit Hilfe von diktatorischen Mitteln zu überwinden. Insofern wird dieser Begriff auch nicht als ein Mittel der Kritik auf dem Diskussionshintergrund eines einfachen Dualismus von demokratisch und antidemokratisch verstanden.


(13) Mendelssohn Bartholdy hat auch zur 10 jährigen Wiederkehr des Verfassungstages am 11. August 1929 die Feierrede in der sozialdemokratisch regierten Stadt Altona gehalten. „Verfassungsfeier aus Anlaß der 10 jährigen Wiederkehr des Verfassungstages, veranstaltet vom Magistrat der Stadt Altona am 11. August 1929”. Diese Rede ist vorhanden in der Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte. Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1.