Wilhelm Flitners politische Sorgen am Ende der Weimarer Republik

Teil 8

Zusammenfassung und Ausblick

In Erinnerung daran, welche Katastrophe das Deutsche Reich einige Jahre später über die Welt brachte, wird im Rückblick erkennbar, welchen Mut, welche Hoffnung und politische Weitsicht Wilhelm Flitner mit seiner Rede ausdrückte.

Die Hamburger Tageszeitungen berichteten noch am selben Abend über die Verfassungsfeierlichkeiten und hoben am Staatsakt in der Musikhalle die Reden Wilhelm Flitners und des Bürgermeisters besonders hervor. Die Festrede Flitners, der das Publikum vierzig Minuten lang aufmerksam folgte, nahm breiten Raum ein und fand ausdrückliche Zustimmung. Sie habe der Feier große Bedeutung gegeben.

In der „vergangenen Gegenwart” (7) Wilhelm Flitners, am Ende der Weimarer Republik, war es durchaus nicht selbstverständlich, daß sich ein bürgerlicher Intellektueller für die demokratische Verfassung des Reiches öffentlich aussprach und sich für eine angemessene Bildung des ganzen Volkes einsetzte.

Zum Beispiel gelang es Ernst Cassirer, Rektor der Hamburgischen Universität im akademischen Jahr 1929/30, nur mit Mühe, gegen massive Gegenwehr eine akademische Verfassungsfeier in jenem Jahr 1930 durchzusetzen. Er verband seine Festrede aus diesem Anlaß mit einem Votum für die Republik und warnte die deutschen Universitäten vor den heraufziehenden Gefahren. (8)

Die Rede Flitners bezeugt, daß er durchaus ein politisch interessierter und gebildeter Pädagoge sowie als Persönlichkeit ein überzeugter Demokrat war. Es ist deshalb unverständlich, Flitner seiner Gesinnung nach in die Nähe der nationalsozialistischen Ideologie zu stellen, oder in ihm einen Vorreiter des deutschen Faschismus oder gar der NS-Programmatik zu sehen, eine sachlich falsche und moralisch ungerechte Beurteilung, die von einer Reihe von Kritikern bis heute aufrecht erhalten wird. (9) Auch wäre nur schwer einer Kritik eben dieser Autoren zu folgen, die darin gipfelte, Flitner habe den Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 mit „beklommener Zustimmung” begrüßt. (10)

Derartige Urteile über Flitners Gesinnung vor 1933 und danach überraschen. Die Frage, was bekannte universitäre Pädagogen zu diesen Urteilen veranlaßt haben könnte, soll im Rahmen dieses Artikels nicht verfolgt werden. Aber es hat den Anschein, daß sie den anstehenden Gegenstand in ihre eigene Gegenwart überführen, ohne dabei die damals gegenwärtige Zukunft und die damals gegenwärtige Vergangenheit mit zu berücksichtigen. (11)

Dieser Mangel macht Kritiker unfähig, die geistige Situation jener Jahre in die Auseinandersetzung einzubeziehen, und führt zu leichtfertigen Urteilen.

 

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(7) Niklas Luhmann. Weltzeit und Systemgeschichte. In: Christian Ludz (Hg.): Soziologie und Sozialgeschichte. 1972, S. 91 f. Nach Luhmann ist die „vergangene Gegenwart” etwas anderes als die „gegenwärtige Vergangenheit”, die stets die Vergangenheit aus unserer gegenwärtigen Perspektive meint. Vgl. auch Fußnote 10.


(8) Angela Bottin. Enge Zeit. 1991, S.22.


(9) In der Nähe dieser Beurteilung stehen eine Reihe namenhafter universitärer Pädagogen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die pädagogische Diskussion wesentlich mitbestimmten: Karl C. Lingelbach (1970), Bernd Weber (1979), Heinrich Kupfer (1984), Adalbert Rang (1989), Wolfgang Keim (1995) und Johanna Brockmann/Wolfgang Klafki (2002); (das angegebene Jahr ist das Jahr der relevanten Veröffentlichung).


(10) Johanna Brockmann/Wolfgang Klafki: Geisteswissenschaft und Nationalsozialismus. 2002, S.306. Beide Autoren zitieren Adalbert Rang und stellen sich ausdrücklich mit jenem Urteil auf dessen Seite.


(11) Nach Luhmann handelt es sich dabei um ein „vormodernes Geschichtsbewußtsein” Nach seiner Theorie gibt die „Historisierung der Zeit” dem Umgang mit der Zeit eine neue Qualität. Die Zeit wird „reflexiv“. Das bedeutet, „daß Gegenwart der Vergangenheit, nämlich die Geschichte, etwas anderes ist als die vergangenen Gegenwarten”, daß man bei der modernen historischen Forschung „vergangener Gegenwarten die damals gegenwärtige Zukunft und die damals gegenwärtige Vergangenheit” mit zu berücksichtigen habe. Damit breche man mit allen Versuchen, den anstehenden Gegenstand in die Gegenwart des Forschenden zu überführen.

Darüber hinaus könne man „Reflexivität als Zeitlichkeit der Zeit” selbst in den Zeithorizonten des Prozesses erfassen und damit den historischen Prozeß auch in seiner „Selbstselektivität” (Verschiebung der Zeithorizonte) formulieren. Vgl. Niklas Luhmann. Weltzeit und Systemgeschichte. In: Christian Ludz (Hg). Soziologie und Sozialgeschichte. 1972, S. 91, 92, 93. 

Dieser Sinn liegt auch der Rede von der geistigen Situation der Zeit zugrunde. Vgl. Karl Jaspers. Die geistige Situation der Zeit. 1931.