Wilhelm Flitners politische Sorgen am Ende der Weimarer Republik

Teil 6

Drittens: Flitner klagt vom Staat Freiheit der Erziehung und Bildung ein

Der neue Staat habe die Reformbewegung angenommen und damit seine Liberalität gegenüber der Erziehung bewiesen. Er habe das staatliche Schulwesen ausgebaut und breiten Volksschichten den Zugang zur höheren Bildung ermöglicht, und er sei daran gegangen, die Lehrerbildung zu erneuern und großzügig neue Schulbauten errichten zu lassen.

Darüber hinaus müsse die Erziehung nun auch „Schutz und Freiheit” von ihm erwarten dürfen, „die dem demokratischen Gedanken entspricht und ein hohes Gut abendländischer Kulturordnung darstellt”. (S. 16,17)

Flitner macht auf die Verfassung und die relevanten gesetzlichen Bestimmungen aufmerksam, die der Erziehung bereits ein erhebliches Maß an staatlichem Schutz und Fürsorge garantieren, wie die staatliche Schulpflicht und wesentliche Vorbedingungen der Bildung, zum Beispiel, „daß die Wissenschaft und die Lehre frei sein sollen und der Staat Kunst, Wissenschaft und Lehre schützen und pflegen soll”. Die Schule sei nun Sache des Staates, und das schönste Gesetz beginne mit dem Satz: „Jedes deutsche Kind hat ein Recht auf Erziehung.” (S. 17)

Aber Flitner gibt zu bedenken, daß der Geist der Verfassung nicht so verstanden werden dürfe, „als herrsche der Staat in seinem zufälligen Bestand schrankenlos über die Schule”. Echte Erziehung könne sich gemäß ihrem inneren Gesetz nur in Freiheit entfalten, und nur dann könne sie auf das „reale gesamte Sein des Menschen” einwirken. Gesinnungszwang, „äußerlich wortreiche Anempfehlung von Idealen” und die Einengung jugendlicher Phantasie machten dagegen unsere Bemühungen unwirksam.

Diese Freiheit könne aber nur im Sinne „relativer Freiheit” verstanden werden, der Freiheit vergleichbar, die der Richter oder der Arzt in Anspruch nimmt, wenn er seinem Beruf frei nachgeht und dennoch unter staatlicher Aufsicht bleibt. Und diese Freiheit sei nicht als eine abstrakte aufzufassen, als eine autonome Tätigkeit. Erziehung gelinge nur, wenn sie

„der Individuallage des Menschen gemäß ihn an den nächsten Lebensaufgaben verantwortlich und könnend macht”. (S. 19)

In diesem Sinne betont Flitner, daß die Erziehung eine für die Menschen entscheidende Aufgabe habe, den Heranwachsenden an seinen demokratischen Staat heranzuführen, nicht an einen abstrakten in Form von „Programmen und Doktrinen”, sondern an den lebendigen neuen Staat mit „allen seinen Nöten und Unzulänglichkeiten”, indem sie die jungen Geister in den demokratischen Tugenden zu üben trachte:

„Wenn die Erziehung das tut, so weiß sie sich im Tiefsten gebunden: an die Aufgaben, wie sie heute vorliegen und durch kein Ideal eines anderen Staates erledigt werden können. Darin aber lasse der Staat der Erziehung Freiheit, wie sie ihre Aufgabe durchführt.” (S. 20)

 

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