Wilhelm Flitners politische Sorgen am Ende der Weimarer Republik

Teil 5

Zweitens: Flitner mahnt eine „politische Erziehung des deutschen Volkes” an

Der „hohe sittliche und sachliche Anspruch” der demokratischen Verfassung mache eine politische Erziehung für jeden von uns, für das ganze Volk, dringend erforderlich. Er stellt die „eigentlich politische Erziehung” heraus, wie sie sich durch Tätigkeit in der politischen Arena bildet. Ein solches Tun im Parlament sei zum Beispiel: verantwortlich nach praktischen Lösungen suchen, sich „nicht in Prinzipien” ergehen, nicht sich und die Partei, „sondern wiederum die Sache selbst obenanstellen” können. (S. 12)

Die Vorübung aber, die uns für jene „politische Erziehung überhaupt erst bildsam macht”, könne in „ganz anderen Lebensräumen geleistet werden”, zum Beispiel im Straßenverkehr, im Büro, im Vereinsleben, im Sport und vor allem im staatlichen Schulwesen selbst, das seine zentrale Aufgabe darin habe, jene Gesinnungen und Fertigkeiten vorzuüben.

Denn der beklagte Mangel an „demokratischen Tugenden” sowohl im Parlament als auch im öffentlichen Leben habe seine „Wurzeln im Gesamtleben” des Staatsvolkes. (S. 12) Deshalb solle man überall vorüben „ritterliche Gesinnung, den Stolz auf Selbsthilfe, das Sorgen für andere, Hinhören auf Andersdenkende, den gesellschaftlichen Umgang mit denen schließlich, die in der Minderheit bleiben und von uns, die wir vielleicht in der Mehrheit sind, überstimmt werden”. (S. 13,14) Flitner unterstreicht beinahe beschwörend,

„daß man diese politisch Ausgeschalteten nicht auch menschlich ausschalte und sie somit wieder zu unmündigen toten Staatsbürger mache, ist eine sehr schwere demokratische Tugend”. (S. 14)

Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es besonders in Hamburg eine Vielzahl von Schulversuchen, in denen jene Tugenden erprobt werden konnten. Flitner gibt dazu folgende Beispiele: „wenn sich reformfreudige Lehrer eine verzweifelte Mühe geben, vollste Offenheit zwischen Lehrer und Kindern, peinlichen Schutz der Schwachen und Gefährdeten erstreben, wenn sie Selbstverwaltungsversuche anstellen, wenn sie Aussprachen und Debatten zulassen”, „wenn sie alles Lernen auf der Aktivität des Kindes aufbauen wollen, wenn sie ein reines geschwisterliches Verhältnis zwischen den Kindern entgegengesetzter Klassen, sehr verschiedener Elternhäuser, verschiedener Kraft und Begabung herbeiführen.” (S. 14,15)

„Hier üben sich im frühen Alter jene Tugenden, die unser Staat so nötig braucht wie wir alle das Brot, und die er doch nicht direkt, im politischen Raum selbst erzeugen kann, weil sie im freien Raum des geistigen Verkehrs allein erwachsen können.” (S. 15)

 

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