Wilhelm Flitners politische Sorgen am Ende der Weimarer Republik

Teil 4

Erstens: Flitner warnt vor einer ernsten Gefährdung der Weimarer Demokratie

Der neue Staat habe sich in „seiner Verfassung einem Idealbild verpflichtet”, das keineswegs bereits realisiert sei. (S. 9) Damit spricht Flitner die zunehmenden inneren Schwierigkeiten der Weimarer Demokratie an. Die Konflikte der jungen Republik zeigten, so hebt er hervor, „daß die Verfassung ein Volk voraussetzt, das es unter uns noch nicht gibt” (S. 9). Man klage darüber, daß „unser Volk statt eines politisch aktiven und der politischen Sache ergebenen kollektiven Charakters mehr einem Interessenhaufen” gleiche; und daß das Parlament nicht wirklich das Gespräch vor Zeugen sei und sich „unsere Parlamentarier doktrinär und somit nicht wahrhaft hilfreich” aufführten. (S. 11, 12) 

Der Geist der Verfassung verlange aber „die Mündigkeit der Bürger” und „die Kraft zur öffentlichen Verantwortung”. Er setze eine Bildung voraus, die ausdrücklich nicht allein von einer gesellschaftlichen Elite, sondern von den „einfachen volkstümlichen Menschen” zu verlangen sei. (S. 13)

Flitner ist sich des idealen Charakters dieses Zieles bewußt, aber „es wäre falsch, daraus zu schließen, man müsse zu einer realen Betrachtung des deutschen Staatsbürgers zurückkehren und ihn als unmündig behandeln”. (S. 9,10)

In dem im selben Jahr veröffentlichten Aufsatz „Die Erziehung und der neue Staat” (6) wird Flitner noch deutlicher: Er kennzeichnet die Lage des neuen Staates als Dilemma: Einerseits setze die Demokratie ein politisch mündiges Volk voraus, das es noch nicht gebe, andererseits aber könne ein solches Volk erst durch die demokratische Staatsform selbst geschaffen werden. Aus diesem Widerspruch gewinne die Demokratie zwar ihre hohe geistige Bedeutung, aber auch ihre dauernden Schwierigkeiten. Dieser Widerspruch könne durchaus dazu führen, daß diese Staatsform korrumpiert werde und daß Staaten, die sich mit formaler Demokratie begnügten, untergingen. Die Demokratie „ist das gewagteste politische System, das denkbar ist!” (a.a.O.,S. 286)

Doch Flitner entmutigt nicht: Ob die Weimarer Demokratie durchhalten könne, sei zwar ungewiß; zehn Jahre der Entwicklung seien noch keine ausreichende Zeit zur Beurteilung. Der Aufbau der deutschen Demokratie ließe sich nur als ein Jahrhundertprojekt verstehen.

 

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(6) Wilhelm Flitner: Die Erziehung und der neue Staat. In: Neue Jahrbücher Wissenschaft und Jugendbildung 6 (1930), S. 639 – 704. Ebenso in: Die pädagogische Bewegung. In: Wilhelm Flitner Gesammelte Schriften, Band 4, Seite 279-289. Zitiert wird im folgenden nach der Seitenzahl dieser Ausgabe.