Wilhelm Flitners politische Sorgen am Ende der Weimarer Republik

Teil 3

Die politische und soziale Lage jener Zeit war durch die Wirtschaftskrise und den Zerfall der demokratischen Republik gekennzeichnet.

Die Verschärfung der Krise im Zuge der wirtschaftlichen Erschütterung in den USA führte zu einer steigenden Arbeitslosigkeit (Ende 1930: rund drei Millionen), zu einem wachsenden monetären Defizit des Staates (Ende 1929 auf rund 1,7 Milliarden Reichsmark), folglich zu innenpolitischen Radikalisierungen und zu einer Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung. Hamburg wurde wegen seiner Abhängigkeit vom weltweiten Handel hart getroffen. Praktische Nutznießer, besonders in Hamburg, waren vor allem die Nationalsozialisten, die weite Teile des Bürgertums und der Arbeitslosen gewinnen konnten.

Der politische Zerfall wurde im März 1930 durch den Sturz der Regierung Müller (SPD) eingeläutet. Der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning bildete eine neue Regierung und wirkte als Reichskanzler eines Minderheitskabinetts in Form einer Präsidialregierung mit Hilfe des Artikels 48 der Reichsverfassung. Er versuchte, das Reich mit den verfassungsgemäßen Möglichkeiten des Reichspräsidenten aus der schweren Krise herauszuführen. Das Parlament, heillos zerstritten und unfähig, Gesetze zu verabschieden, war bedeutungslos geworden. Als im Juli 1930 ein sozialdemokratischer Antrag auf Aufhebung der Notverordnung „zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen” vom Parlament angenommen worden war, wurde das „Herzstück der Demokratie” vom Reichspräsidenten Hindenburg kurzerhand aufgelöst.

Die Neuwahlen zum Reichstag am 14. September 1930 veränderten diesen Zustand nicht, aber sie brachten die eigentlichen Gewinner ans Licht: die KPD und vor allem die NSDAP. Die Nationalsozialisten, die offen den Zerfall der Republik betrieben, schockierten die Demokraten mit einem Zuwachs von 2,6 auf 19,5 Prozent der Wählerstimmen und steigerten sich in Hamburg sogar überdurchschnittlich; der Aufstieg der NSDAP nahm seinen Anfang. (5)

Die Festrede Wilhelm Flitners soll unter dem Aspekt von drei Appellen vorgestellt werden, die im Zentrum seines Vortrags standen.

Sie gründen sich auf folgende seinen Ausführungen vorangestellte historische Betrachtung, nämlich auf:

eine epochemachende Wechselwirkung zwischen Umwälzungen auf staatlichem Gebiet und einer Erweckung mächtiger erzieherischer Impulse, die Flitner an der Französischen Revolution und der sie tragenden „Erziehungsbewegung der Aufklärung” deutlich macht; (S. 1)

die positive Beziehung des neuen Staates zu der sie tragenden mächtigen neuen „Erziehungsbewegung im deutschen Volk”. Sie sei „im Wesen der Erziehungsbewegung und im Wesen des heutigen Staates begründet”; (S. 4, 5, 6)

und auf den Zusammenhang zwischen dem Wandel der Erziehung und dem Wandel „unserer neuen Volksordung”. Die Verhältnisse erforderten nun die Abkehr von der „alten Erziehung” und die Hinwendung zu einer neuen Pädagogik. Eines ihrer entscheidenden Ziele sei es, „den mündigen, politisch und wirtschaftlich selbständig denkenden Menschen” anzustreben und „nicht den Subalternen oder den gehorsam Dienenden“. (S. 8)

 

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(5) Vgl. Forschungsstelle für Zeitgeschichte (Hg.). Hamburg im „Dritten Reich”. 2005, S. 44 f.