Wilhelm Flitners politische Sorgen am Ende der Weimarer Republik

Teil 1

Der Vortrag Wilhelm Flitners anläßlich der Verfassungsfeier des Hamburger Senats im Jahre 1930 wird mit diesem Artikel zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Flitner hatte vor der Feier das Manuskript der Rede der Staatlichen Pressestelle Hamburg zugesandt. Das Manuskript sowie sein öffentlicher Auftritt selbst, eine wichtige historische Quelle, wurden bisher übersehen und waren deshalb der historischen Forschung nicht zugänglich. Diese Quelle wurde jetzt im Hamburger Staatsarchiv aufgespürt. (1)

Dieser Fund nötigt zur grundlegenden Revision einer Auffassung, in der die Meinung vorherrscht, Flitner hätte am Ende der Weimarer Republik in der Nähe des deutschen Faschismus gestanden, ja, er wäre gar ein Vorreiter jener Ideologie gewesen. Die neue Quelle unterstreicht meine These, daß die Geschichte Wilhelm Flitners, besonders sein Verhalten in der Epoche der NS-Diktatur, neu geschrieben werden muß.

Wilhelm Flitner hielt am 11. August 1930 die Festrede bei der jährlichen Verfassungsfeier des Hamburger Senats. Der Senat hatte ihn zu dieser hervorragenden Aufgabe berufen. Unter dem ihm gestellten Thema „Der Sinn der Erziehung im Volksstaat” brachte er seine Sorgen um die junge demokratische Republik zum Ausdruck, rückte die politische Erziehung in den Mittelpunkt und forderte Freiheit vom Staat für die neue Pädagogik. Er versuchte, seine Zuhörer in der Zeit politischer Wirren zu ermahnen und zu ermutigen. 

Zum ersten Mal fand diese Feier im festlich dekorierten, vollbesetzten großen Saal der Musikhalle und nicht im Rathaus statt. Sie stand unter der Mahnung „Einheit und Recht und Freiheit”. Flitner sprach vor über 1700 geladenen Gästen, unter ihnen Mitglieder des Hamburger Senats, der Bürgerschaft, des Senats der Hamburgischen Universität, der Reichsbehörden, Vertreterinnen und Vertreter der politischen Parteien, der Kammern, der Kirchen, der Hamburger Lehrerschaft und Schülerschaft.

Nach der Festrede folgte die Ansprache von Bürgermeister Ross (SPD), der sich der kulturellen Zielrichtung Flitners anschloß, sich zur Verfassung von Weimar bekannte und dazu aufrief, „auch in sorgenvoller Zeit” nicht darin nachzulassen, den „Volksstaat” gemäß der Verfassung zu erneuern und zu festigen. (2) Im Verlauf der Rede wurde auch der erste Preisträger des Hamburgischen Lessingpreises, Professor Friedrich Gundolf aus Heidelberg gewürdigt. Musikalische Darbietungen gaben dem Festakt einen würdigen Rahmen. (3)

 

Weiter

(1) Erziehung und Schule im neuen Volksstaat. Rede von Professor Dr. Wilhelm Flitner bei der Verfassungsfeier am 11.8.1930 in der Hamburger Musikhalle. In: Staatsarchiv Hamburg 135-1 I-IV. Staatliche Pressestelle I-IV 4366, Band 8. Zitiert wird im folgenden nach der Seitenzahl dieses Manuskripts. Zur Verfassungsfeier des Hamburger Senats am 11. August 1930 in der Musikhalle. In: Staatsarchiv Hamburg 131 – 4, Senatskanzlei – Präsidialabteilung, 130 A 28.

Der unter Quellennachweisen und Anmerkungen im Band 4 der Gesammelten Schriften Wilhelm Flitners erfolgte Hinweis, der Aufsatz „Die Erziehung und der neue Staat” sei identisch mit der Rede Wilhelm Flitners vom 11. August 1930, erwies sich durch meinen Fund als Irrtum. Vgl. Die pädagogische Bewegung. In: K. Erlinghausen, Andreas Flitner, Ulrich Herrmann (Hg.). Wilhelm Flitner Gesammelte Schriften, Bd. 4, 1987, Seite 279-289 und Seite 513. Jener Aufsatz Flitners ist offenbar eine gründliche Ausarbeitung und Erweiterung seiner Rede bei der Hamburger Verfassungsfeier 1930. Vgl. Wilhelm Flitner. Die Erziehung und der neue Staat. In: Neue Jahrbücher Wissenschaft und Jugendbildung 6 (1930), S. 639 – 704. Wie es um die politische Position Flitners bestellt war, hätte man in diesem 1930 erschienenen Artikel nachlesen können.


(2) Vgl. Ansprache von Bürgermeister Ross bei der Verfassungsfeier des Senats am 11. August 1930 in der Musikhalle. In: Staatsarchiv Hamburg 131 – 4, Senatskanzlei – Präsidialabteilung, 130 A 28.


(3) Verfassungsfeierlichkeiten begannen am Morgen des 10. Augusts mit der „Rheinland-Befreiungsfeier” der Rheinischen Verbände, nahmen am nächsten Tag ihren Fortgang u. a. mit den Feiern der Hamburger Schulen in der Kampfbahn des Stadtparkes und mit dem Festakt in der Musikhalle und endeten am Abend mit einem großen Volksfest (Eintreffen des Fackelzuges, Ansprachen und Blasmusik) auf dem Rathausmarkt. Der Verfassungstag war ein offizieller Feiertag im ganzen Reich.